Erster weltlicher Auftritt im Holzkirchner Oberbräusaal

Ein musikalisches Wunder an hellen Tagen

Süddeutsche Zeitung – Montag, den 19. Juli 2004, von Marco Frei

Foto: Robert Haas

Der Laienchor Cantica Nova begeistert sein Publikum – und den Präsidenten des Bayerischen Sängerbundes. Spannungsreich, originell, großartig, das Holzkirchner Laienensemble ebenso wie die Visinoisten aus Eggenfelden.

Holzkirchen - Dieser Chor macht sprachlos. Es drängt sich eine Frage auf: Wie nur kann es sein, dass er rein aus Laien besteht? Keine Unsauberkeiten, präzise Rhythmik und Dynamik, großartige Raumfülle und Klangbrillanz und dazu spannungsreiche und originelle Deutungen: Was Leiterin Katrin Wende-Ehmer aus Neufahrn in nur vier Jahren aus dem 1999 gegründeten Holzkirchner Vokalensemble Cantica Nova gezaubert hat, ist schlicht ein Klangwunder. Für die Region ist dieser Chor und seine Leiterin, die am Augsburger Konservatorium studiert hat, wahrlich ein Geschenk.

Abermals stellten dies die Musiker am Freitag im trotz des Biergartenwetters sehr gut besuchten Oberbräu-Saal unter Beweis. Unter dem Motto „An hellen Tagen“, ein gleich zu Beginn des Konzerts angestimmter Chorsatz des Renaissance-Komponisten Giovanni Gastoldi, wurde zum ersten weltlichen A-Cappella-Programm des vornehmlich geistlich ausgerichteten Chors geladen. Mit Brahms, Hans Leo Hassler, Friedrich Silcher und den Skandinaviern Johann August Söderman und Hugo Alfvén wurde ein vielseitiges Programm geboten. Ringsherum staunten die Besucher, darunter der Präsident des Bayerischen Sängerbundes Karl Weindler.

Mit seinem Männerensemble „Die Visinoisten“ aus Eggenfelden war Weindler angereist. Gleich zu Beginn des Auftritts stellte zweiter Tenor Richard Eder fest, dass es in Eggenfelden sehr wohl auch gute Sänger gebe, womit er auf „Superstar“ Daniel Küblböck anspielte, der ebenfalls aus dem niederbayerischen Ort an der Rott stammt. Überhaupt hatte Eder eine lose Zunge, was sich vor allem in Späßen über die Geschlechter äußerte. Wenn sich etwa Frauen die Frage stellen, ob es ein Leben nach dem Tod gebe, so würde die Frage folgen: „Wenn ja, was ziehe ich bloß an?“ Etwas abgegriffen war es schon, aber die Lacher waren ihm sicher.

Höhepunkte waren die köstlichen Darbietungen von Songs wie „Lollipop“ oder „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“. Homoerotisch wurde es im legendären „Am Sonntag will mein Süßer mitmir segeln geh’n“, während der Saal im urkomischen „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ vor Lachern bebte. Mit „Der Jäger aus Kurpfalz“ wurde es kurz seriös: Wie Eder erklärte, werde mit dem bekannten Lied der Erbförster Friedrich Wilhelm Utsch besungen. Als dann Eder dem Publikum die Frage stellte, wo Utsch tätig war, antwortete eine Stimme frech: „Im Forsthaus Falkenau.“ Großes Gelächter. Natürlich war es nicht das Forsthaus aus der bekannten TV-Serie, sondern das Forsthaus Entenpfuhl – wo immer das auch liegt.

Diesen Gag nutzte Eder elegant als Überleitung: Heute würden Schulkinder Talkshows und anderen TV-Müll anschauen, früher hingegen habe es pädagogisch wertvolle Sendungen gegeben, so Eder. Und da sangen die sechs Burschen auch schon Jingles bekannter Kindersendungen wie „Heidi“ oder „Biene Maya“. Großer Beifall, und zum Schluss sangen die Ensembles gemeinsam als Zugabe Joseph Rheinbergers „Abendlied“. Da war er wieder, dieser betörende Klangzauber. Hoffentlich wird es in Zukunft weitere Cantica- Nova-Konzerte dieser Art geben. Der nächste große Auftritt des Chors wird im Dezember im Rahmen der 1200 Jahrfeier von Hartpenning folgen, auf dem Programm steht Händels „Messias“.

Wie Wende-Ehmer mitteilte, werde man versuchen, beim alle vier Jahre ausgerichteten Deutschen Chorwettbewerb teilzunehmen. Nächstes Jahr im Herbst gibt es einen landesweiten Vorentscheid. Eines sollte zumindest jeder Kulturpolitiker der Region wissen: In diesem Chor steckt ungeheures Potenzial, von dem der Landkreis und insbesondere Holzkirchen profitieren. Umso unverständlicher ist es, dass das Laienensemble für das Konzert im Oberbräu-Saal 300 Euro zahlen musste, obwohl es in Holzkirchen ansässig ist.